Die ewig Morgigen.
Unbedarft meldete ich mich schon vor vielen Wochen für die Veranstaltung zum Thema „Kirche im Web
2.0“ der Akademie der Diözese Stuttgart-Rottenburg an. Ich weiß heute nicht einmal mehr, wie ich auf diese Tagung aufmerksam wurde, aber ich glaube, der Titel hatte einfach Wirkung auf mich und ich war enorm motiviert, an dieser Veranstaltung teilzunehmen – trotz der für eine Studentin verhältnismäßig hohen Kosten.
Noch ganz unbedarft reiste ich Donnerstag Mittag an und war gespannt auf die Dinge, die da nun auf mich zu kommen sollten. Im Laufe der letzten Wochen hatte ich durchwegs positive und interessante Erfahrungen gemacht mit den unterschiedlichen Tagungsformen wie zum Beispiel dem Webmontag in Würzburg
.
Nicht mehr so ganz unbedarft war ich dann aber nach der Vorstellungsrunde: In was war ich da „reingeraten"? Was habe ich mir bloß dabei gedacht? Ein spannender Moment: Nahe zu alle Teilnehmer sind oder waren aktiv im kategorialen oder pastoralen Dienst in einer der beiden großkonfessionellen Kirchen in Deutschland tätig. Die jenigen auf die das nicht zu trifft, haben zumindest ein großes Projekt im Web 2.0 oder halten sich im Dunstkreis dieser Thematik auf. Ich hingegen, habe noch nicht einmal ein abgeschlossenes Studium der Theologie vorzuweisen, arbeite in keinem Diözesanen Büro und in keiner Bischöflichen Einrichtung, die sich mit dem weiten Feld von Medien oder Web
2.0 beschäfitg. War ich ZU unbedarft?
Frag nicht was Web
2.0 für Deine Kirche tun kann...
Die Inhalte waren auch für mich spannend, aber nicht wegen der Umsetzung, sondern weil mir klar wurde, welch vielfältiges Engagement „aus der Basis“ der Kirche(n) erwächst und dass es doch eine Menge Köpfe gibt, die genauso denken wie ich: Die Kirche darf sich vor dieser Thematik nicht überrollen lassen und muss sich intensiv auch mit dem Medium Internet
und seine Möglichkeiten beschäftigen. Dennoch blieb der große „Wow-Effekt“ für mich (zunächst) aus.
Was ich aber aus dieser Tagung unter vermeintlich schwierigen Umständen lernen konnte, begriff ich erst auf (dem ersten Teil) der Heimreise im Gespräch mit Tom Noeding (@roquane), Comunity Manager bei evangelisch.de: Ich wurde durch diese zwei Tage in meiner Entscheidung bestätigt, mich nicht innerhalb der Katholische Kirche für ein festes Arbeitsverhältnis zu bewerben. Ein hartes Fazit nach einer Tagung? Ich denke nicht, aber um das zu begründen muss ich etwas weiter ausholen.
Ganz unterschiedliche Projekte wurden vorgestellt: Sie unterschieden sich anhand der Vorgehensweisen, Systeme, Zielgruppen, Agitatoren, Finanziers, Lebenswelten, Hintergründe – die ganze Bandbreite des Web 2.0 wurde christlich belebt und belegt. Aber hinter allem steckte – so wirkte es auf mich – eine unglaubliche Willenskraft innerhalb (oder trotz) der (konfesseionalisierten und) institutionalisierten Rahmenbedingungen das Web
2.0 mit „kirchlichem“ Leben zu füllen und den Dialog mit (christlich) Interessierten herzustellen. Oder anders formuliert: Kirche auch virtuell (weiter) zu bauen und zu gestalten.
Für mich ist es eine ehrenwerte Sache in Zeiten immer knapper werdender Haushalte dafür zu kämpfen, Mittel zu erstreiten (oder sogar irgendwie selbst aufzubringen), um kirchliche/christliche Inhalte ins „Internet“ zu bringen. Vor allem weil man doch immer den Eindruck gewinnt, dass die Generation, der die Mehrheit der Entscheidungsträger (gerade der Katholischen Kirche) angehört, noch sehr wenig mit dem Medium Internet
und dem Web
2.0 anzufangen weiß. Projekte wie das katholon-Forum
oder der frisch-fischen Blog
zeigen, dass mit der Kommunikationsdimension „Internet
“ ein gewaltiges Instrumentarium zur Hand hat. Mit Verhältnis wenig Aufwand kann eine ganze Menge bewirkt werden gerade wenn man die Möglichkeiten von open source Projekten kennt und sich näher mit Systemen wie phpbb, drupal, typo3 etc beschäftigt.
Frag was Kirche für Web
2.0 tun kann...
Ich glaube aber, dass dabei ein wichtiger Aspekt zu kurz kommt und diesen überspitze ich jetzt mal bewusst: Jemand der nicht in die Kirche geht, der nichts mit dem Sonntagsblatt anfangen kann oder der beim Wort zum Sonntag umschaltet, klickt sich auch nicht auf eine kirchliche Webseite (oder nur selten und in Ausnahmefällen).
Nun ohne Dramatisierung: Ich denke, dass all diese Angebote, die isoliert stehen von den großen (boomenden) Netzwerken, nur wenig Außenwirkung haben. Es wird immer der Fall sein, dass sich offene und suchende Menschen beispielsweise bei katholon anmelden und dort einen regen Austausch beginnen. Und ist es gut, richtig, wichtig, diese Angebote zu fahren, nur darf für mich das Engagement in der virtuellen Gesellschaft zum Beispiel auf facebook nicht fehlen. Jene Fragestellung sollte sich auch umgekehrt wieder finden: Nicht nur „Wie kann Kirche Web 2.0 nutzen" sondern auch „Wie kann Kirche für das Web
2.0 'nützlich' sein".
Die aktuellen Geschehnisse zeigen dies ganz gut: Die Kommentarfunktion der Nachrichtenseiten wird in diesen Monaten enorm beansprucht – gerade im Zuge der Meldungen um Mißbrauchsvorwürfe. Das was auf „kirchlichen“ Webseiten steht interessiert kaum, diskutiert wird bei Spiegel online, sueddeutsche.de etc. Gäbe es dort ein deutliches Engagement würde das Ganze an dieser Stelle nicht so eine eindeutige „Schlagseite“ bekommen: Man hätte zumindest eine Chance auf Dialog – wobei ich nicht sage, dass dies die Lösung schlechthin ist: Die Möglichkeiten jedoch ist gegeben. Ich glaube es wird deutlich worauf ich hinaus will. Wenn nicht versuche ich es mit einem anderen Beispiel:
Facebook. In unterschiedlichen Fan-Gruppen engagiert kann man als Christ Stellung beziehen, zum Beispiel durch die Weiterleitung von Feed Inhalten. So erreicht man auch Menschen, die nicht in kirchliche Nähe stehen, aber sich im Freundeskreis aufhalten. Zudem bleibt der virtuelle Rahmen gleich: das bekannte Umfeld macht es viel leichter, auch in Inhalte zu schnuppern, zu denen man gewöhnlich distanzierter steht. Nur ein Klick entfernt, kann ich mich über traditionelle indonesische Volksmusik informieren, über meine Lieblingsband aus Amerika oder auch über religiöse Strömungen in Spanien. Der Aufbau und Rahmen ist bekannt und man muss sich nicht mit einem neuen System beschäftigen und einlesen. Dies stellt eine enorm große Chance dar, gerade für die christliche Idee: Menschen erreichen, die nicht (mehr) christlich sozialisiert, aber auf der Suche sind. Und schließlich: das Internet mit der positiven, lebensfrohen Botschaft Christi zu füllen, muss auch dort geschehen, wo „Internet
passiert“. Darin besteht dir große Chance des Web
2.0.
„Ich mache was mit Internet
" – aber aus eigenem Antrieb und in totaler Eigenverantwortung.
Mein Antrieb selbstständig zu arbeiten hat aber genau mit eben dieser Problematik zu tun: Ich persönlich lebe nun einmal in einer Gesellschaft. Ich fühle mich nicht fremd in ihr und ich möchte für sie, an ihr und mit ihr arbeiten und mich und sie weiter entwickeln. Meine Frage aber ist, wie bereichere ich als Theologin das Internet
. In den letzten 4 Jahren konnte ich mit diesem Ansatz schon gute Erfahrungen machen. Denkstrukturen, Arbeitsweisen und Ansätze, die ich während des Studiums kennen gelernt habe helfen mir a) meinen Kunden b) seine Botschaft und c) seine Zielgruppe zu verstehen.
Heute las ich (zufällig auf Twitter via @emergentDE) einen schönen Vergleich: „Sein wie eine Hebamme" – Das was schon irgendwie da ist, zum Leben zu bringen. Ich glaube, das ist auch genau der Schnittpunkt meines Handelns: als Theologin, – im Internet – als Theologin im Internet
. Da macht es für mich wenig Unterschied, ob ich einem Psychotherapeuten helfe, suchende Menschen auf ihn aufmerksam zu machen. Ob ich einer Gemeinde helfe, ihre Visionen, Strukturen und Glieder zu präsentieren und sich mit anderen Gemeinden zu vernetzen. Oder ob ich einen mittelständischen Betrieb unterstütze, sich auch virtuell am Markt zu präsentieren.
Und eines hat sich auch durch die Tagung nicht verändert, im Gegenteil: Ich bin gespannt, was die Zukunft bringt.
web 2.0
Genau das ist es.
Wir brauchen die Eigeninititative von den Laien.
Internet / Web 2.0 ist für mich Weltdienst der Laien, aber es ist auch ein geistlicher Auftrag für uns als Christen dort zu präsent zu sein.
Ich bin ein großer Fan von Madeleine Delbrêl. Ihre Schriften haben mein Denken sehr beeinflußt. Sie ist als junge Frau dorthin gegangen, wo die Menschen Christus nicht kannten. Nicht mit einem großen Missionsprojekt sondern als Sozialarbeiterin mit einem ganz normalen Leben.
Ich bin mir sicher, sie hätte heute ein Profil auf Facebook und ein Weblog.
Wir, die wir mitten in der Welt leben, haben den Auftrag den Menschen rechts und links von uns - und eben auch in den virtuellen Welten des Web 2.0 - von Christus zu erzählen. Eben auf die Weise, die der Umgebung angemessen ist.
Ein Patentrezept kann ich auch nicht nennen. Vieles ist einfach ein Ausprobieren.
Tja ... wie bist Du auf die Tagung gestoßen?
Frag mal den Heiligen Geist, welchen Trick er benutzt hat, um Dich dorthin zu kriegen.
Sehen wir uns nächstes Jahr in Münster?
Madeleine Delbrêl
Guten Abend,
danke für Deinen Kommentar. Ich musste eben etwas schmunzeln, weil mein (ehemeliger) Fundamentaltheologie Professor eine ähnliche Begeisterung zeigte für Madeleine Delbrêl. Nein: eigentlich ist das untertrieben. Er hatte mehre, sehr emotionale “Reden“ zu Ihren Gunsten in Petto.
Offensichtlich ist an ihr, „viel dran" und wenn ich nicht schon so viel zu lesen hätte,... aber bei der nächsten Zugfahrt ist mit Sicherheit auch etwas von ihr dabei.
Leider kann ich noch überhaupt nicht absehen, wie es mit mir nach dem Studium im Sommer weiter geht. Deswegen kann ich auch noch nichts zu der Tagung sagen. Aber sollte ich Zeit finden und mich in Deutschland aufhalten, dann in jedem Fall.
Viele Grüße,
Maria
Danke!!
Danke für einen sehr interessanten und informativen Artikel. Regt zum Nachdenken an!!
Andy