Von der Provokation.

14 Jul 2010
Erstellt von Maria Schmidt

»Was studierst du? Theologie?« werde ich oft gefragt. »Ja!« antworte ich, nicht selten mit Stolz.

Stolz auf das, was ich bisher erreicht habe. Auf sechs Jahre Studium. Darauf, dass mich mein Fachgebiet noch immer interessiert und dass ich die richtige Entscheidung bei meiner Studienwahl getroffen habe. Aber mein Gefühl ist kein Stolz, der vor der Brust hängt und blind macht. Im Grunde ist dieses Gefühl das Gegenteil von Stolz: Es ist Demut und Dankbarkeit. Das Wissen, beschenkt worden zu sein.

Manchmal – natürlich je nach Gegenüber – schmeckt meine Antwort im Abgang auch etwas nach Provokation. Ich (be-) nutze hin und wieder diesen Effekt, denn ich habe festgestellt, dass damit die unglaublichsten Gespräche beginnen können. Es entstanden bisher immer interessante und tiefe Unterhaltungen, da meinen Gesprächspartnern viele Fragen auf der Zunge lagen und nun endlich jemand greifbar war, um diese Dinge loszuwerden.

Mit meiner Diplomarbeit war es ganz ähnlich. Nur stieß ich sowohl außerhalb, als auch innerhalb der Theologie auf hochgezogene Augenbrauen: »Biblische Theologie mit den Simpsons« – Wieso beschäftigt sich jemand im Bezug auf die Theologie mit den Simpsons und was soll das Ganze? Hat die Zeichentrickserie überhaupt so viel inhaltliche Relevanz und Substanz, dass man sich ernsthaft mit ihr unter wissenschaftlichen oder gar theologischen Gesichtspunkten beschäftigen könnte/sollte/dürfte? Als Sozialwissenschaftlerin oder Psychologin würde das ja vielleicht noch Sinn machen, aber als Abschlussarbeit eines Theologiestudiums? Daraus ergaben sich noch ganz andere Diskussionen und Gespräche, als die oben erwähnten. Über den Sinn und Inhalt des Theologiestudiums, über »Weltenfremde« auf der einen und »Kirchenferne« auf der anderen Seite und darüber, dass »man« heute die Sprache des Religiösen zu wenig versteht.

Nicht selten musste ich in Theologen-Kreisen wiederum erst einmal erläutern, was »Die Simpsons« überhaupt ist. Auch in meiner »geistigen Heimat« war ich schnell als Grenzgängerin bekannt. Meinen begleitenden Professor lud ich beispielsweise im Herbst dazu ein, mit mir seine ersten Ausschnitte der Zeichentrickserie anzusehen. Ich werde nie vergessen, wie er – in diesem Semester wird er emeritiert – glucksend und kichernd neben mir saß.

Aber genau diese »von innen kommende Heiterkeit« war es, die mich an meiner Idee festhalten ließ, theologische Inhalte mit und durch die Simpsons zu erzählen. Die Leichtigkeit eines Lachens kann Theologie und Religion (wieder) zugänglich machen und nach den vielen erwähnten Gesprächen muss ich leider sagen, dass das mehr als notwendig geworden ist. Es fehlt der Zugang, die Sprachfähigkeit und Kommunikation im Spannungsfeld von Hörsälen und Fernsehsesseln.

Umso wichtiger ist es, dass wir als Theologen Dolmetscher werden und auch die religiösen Phänomene der Simpsons kennen. Gebete, die Homer spricht, stellen für viele Zuschauer den einzigen Zugang einer Beziehung zu Gott dar: »Ich bin kein religiöser Mensch. Aber wenn es dich wirklich gibt, dann rette mich Superman!«

Neben diesen kleinen Anspielungen gibt es allerdings eine Episode, die sich im Ganzen Alttestamentlicher Stoffe widmet und diese in der unnachahmlichen Simspsons-Manier inszeniert. »Bibelstunde, einmal anders« war damit ein »gefundenes Fressen« für mich: Die Folge ermöglichte es mir, die biblische Grundlage der Episode anhand der Umsetzung auszulegen – der alttestamentliche Stoff von »Adam und Eva«, die so genannte Sündenfall-Erzählung aus Gen 2f war im Zentrum meiner Betrachtungen. Kein leichter Stoff: Grundsätzlich vorbelastet durch eine schwer nachvollziehbare Entstehungsgeschichte, eine Menge Parallelen und übergreifender Elementen und eine unerreichbare Tiefe. Hinzu kommt eine unüberblickbare Forschungs- und Rezeptionsgeschichte und eine Menge dogmatischer, ideologischer und frauenfeindlicher Vor-Urteile.

Die Spannung zwischen der leicht anmutenden Umsetzung durch das Zeichentrickformat und der Schwere des so wirkungsvollen biblischen Grundlage war greifbar. Aber immer dann, wenn ich mich in der uferlosen Exegese von Gen 2f verlor, holte mich die Simpsons-Umsetzung wieder zurück und ermöglichte mir den Blick auf das Wesentliche. Umgekehrt wurde mir deutlich, wie intensiv sich die Autoren der Serie um den präsentierten Stoff bemühten. Die eigentliche Übersetzungsarbeit lieferte das Team um Matt Groening, ich musste nur die vielen Details aufsammeln und auf einem exegetischen Tablett servieren.

Meine Diplomararbeit ist ein Sinnbild für das, was die Provokation meiner Vorstellung als Theologin ausmacht. Das Wandeln zwischen den Welten, die scheinbar so unmöglich miteinander zu vereinbaren sind, erweckt Interesse und macht neugierig. Und auf den zweiten oder sogar dritten Blick wird nicht nur eine exegetische Arbeit mit den Simpsons erklärbar, sondern auch meine Tätigkeit als Theologin in der »freien Wirtschaft«.

Die Arbeit ist schon seit einigen Tagen abgegeben. Ich habe sie seitdem nicht mehr angerührt. Da ich noch nicht weiß, ob und wie ich an und mit ihr weiter arbeiten kann (Veröffentlichung? Promotion?), liegt das gebundene Werk erst einmal neben mir auf dem Schreibtisch. Das Ende des Studiums ist damit eingeläutet, auch wenn ich das heute noch nicht so recht glauben kann und will – schließlich stehen da noch eine Menge Prüfungen ins Haus.

Aber über eines bin ich mir durch die Arbeit klar geworden: Selbst wenn ich im nächsten Frühjahr die Selbstständigkeit anstrebe und »was mit Internetz« mache, werde ich immer wieder erwähnen, dass ich Theologin bin. Ich werde weiter schreiben an »Theologie mit den Simpsons«, an meiner summa theologiae. Viel zu lieb gewonnen habe ich den Moment, in dem ich in einem Gespräch offenbare, woher ich komme und was ich so mache. Viel zu groß ist die Chance, auf weitere, spannende Unterhaltungen. Viel zu reizvoll das provozierende Moment.

Ich werde weiter die Spannung genießen, wenn ich mich als Theologin vorstelle.

Sehr nett...

Sehr nett geschrieben. Gefällt mir! :-)