Die einfache oder die komplizierte Antwort?

Es fällt mir nicht immer so ganz leicht auf die Frage zu antworten, was ich denn eigentlich so tue, was ich »beruflich so mache«. Oft antworte ich dann: »Willst du die schnelle oder die komplizierte Antwort?« Es gibt einfach zu viele Dinge, die ich gerne tue und auch ein paar Sachen, von denen andere sagen, dass ich sie gut kann. Und ganz ehrlich: Mein so genannter Werdegang ist natürlich nicht das, was man als klassisch bezeichnen würde. Doch: Je schwieriger mir die Beschreibung dessen fällt, was zu meinen Tätigkeiten und Aufgaben gehört, umso lieber erzähle ich von meinem Arbeitsplatz. 

Ich schrieb schon das ein oder andere mal davon, dass mein Arbeitsplatz das Internet ist und auch, dass ich gerne im Coworking Space »Edelstall« in Hannover arbeite. Wenn ich davon erzähle bemerke ich, dass viele gar nicht wissen, was das ist. 

Neulich erst entwickelte sich daraus eine kleine Unterhaltung mit einigen Nachfragen durch mein Gegenüber und der kurzen Erklärung: »Wir haben uns damit in meinem Spanisch-Sprachkurs unterhalten und keiner kannte jemanden, der so etwas nutzt.« Et voila! Hier bin ich und ich schreibe gerne mehr darüber.

Als ich im vergangenen Jahr mit meinem Mann nach Hannover ging war es natürlich von großem Vorteil, dass ich mich selbstständig machen konnte und (vorerst) nicht auf eine feste Anstellung angewiesen war. Die andere Seite dieser glücklichen Situation stellte sich aber schon nach kurzer Zeit ein: Es gab nicht nur Tage, sondern nahezu Wochen, in denen ich die Wohnung tatsächlich kaum verließ, denn ich brauchte nichts und kannte aber auch niemanden, der mich spontan zu einem Kaffee eingeladen hat. Ich lernte keine Menschen kennen, hatte keine Kollegen und das Mittagessen bestand oftmals darin, dass ich mich vor den Fernseher setzte. 

Mir schwirrte die Idee zum Coworking zu gehen schon lange im Kopf. Coworking ist die Idee so flexibel wie möglich die Vorteile eines gemeinsamen Arbeitsplatzes zu nutzen, ohne wirklich gemeinsam einer Arbeit nachzugehen. Da jeder Mensch diese Vorteile unterschiedlich definiert, ist so gut wie jeder Coworking Space, also jede dieser Initiativen unterschiedlich. Es gibt Firmen, die hinter einem solchen Ort stehen oder auch Vereine. Einzelkämpfer oder ein loser Zusammenschluss von Kreativen. Jeder Coworking Space ist ein bisschen anders und das macht es gerade so spannend. Gleich ist aber an jedem Ort, dass er eine Möglichkeit bieten soll, dort zu arbeiten. Im Twitterprofil meines Coworking Spaces steht: Firmenzentrale ohne Firma. Das trifft es ganz gut, denke ich. In jedem Monat entscheid ich neu, wie viel Zeit ich im Büro verbringen will und buche dementsprechend meinen Arbeitsplatz für ein Monat oder eine bestimmte Anzahl an Tagen. Im Space steht mir dann ein Schreibtisch, Internetzugang und eine Kaffeemaschine zur Verfügung, ich komme und gehe quasi wie ich will (natürlich gibt es so etwas wie Öffnungszeiten, aber das ist überall und immer wieder etwas anders und kann separat geregelt werden). 

Ich konnte vieles von dem Coworking Gedanken nachvollziehen, taten wir in Lerngruppen in der Uni schon so etwas ähnliches wenn wir uns in den Lernphasen in einer Bibliothek trafen. Hierbei ging es um mehr, als »nur« an wichtige Bücher stets ranzukommen. Das Treffen am Hubland oder Sanderring hatte andere Gründe, die sich genau mit den Zielen und Gedanken um Coworking decken. 

Zunächst erfährt man beim Coworking Gemeinschaft – sofern man sie will. Natürlich gibt es Menschen, die darauf weniger wert legen als andere. Mir war dieser Punkt wichtig – gerade, weil ich erst nach Hannover gezogen bin – und wenn ich andere Berichte und Blogeinträge über dieses Phänomen lese, merke ich, dass ich hierbei nicht alleine bin. Ob sich das dann darin manifestiert, dass man gemeinsam zum Mittagessen geht oder sich zusammen Youtube Videos ansieht ist nicht wichtig. Es geht darum, einfach ein Gegenüber zu erfahren, etwas, dass ich alleine zuhause, im so genannten »home office« einfach nicht habe. 

Nun für viele ist Coworking auch das, was man gerne neudeutsch als »Network« bezeichnet. Man kann auf Kompetenzen (und Kompetente) zurückgreifen, die neben einem sitzen und muss nicht in einem vergleichsweise sterilen Online-Netzwerk danach suchen. So entstehen gemeinsame Projekte und Ideen, auf diese Weise soll schon die ein oder andere Firma entstanden sein. Darüber hinaus gibt es natürlich noch unzählbare, kleinere Vorteile, wie gemeinsam organisierte Veranstaltungen, Usergroups, Infrastrukturen, die man sich teilen kann, usw. 

Es gibt immer wieder Momente, in denen ich mir neu bewusst werde, wie genial diese Idee des gemeinsamen, aber flexiblen Arbeitsplatzes ist. Und die Tatsache, dass der Sprachkurs, den ich oben erwähnte eine Fortbildungsmaßnahme einer großen Versicherung war zeigt, dass sich die global player auch mit diesem Phänomen beschäftigen. Natürlich hat das auch seine Grenzen, aber ich finde es erst mal spannender an dieser Stelle auf die Möglichkeiten zu sehen. Wie zum Beispiel die, sich inspirieren zu lassen, Neues kennen zu lernen, aus der eigenen Komfortzone herauszugehen. 

Ich für meinen Teil bin jeden Tag froh darüber, im vergangenen Frühjahr den Weg aus dem Süden Hannovers nach Linden angetreten zu sein und die tollen Menschen hinter dem Edelstall kennengelernt zu haben.

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